Trauer

0039: Newsletter zum November im Jahr 2015

Newsletter zum November im 2015

Inhalt

Mein Newsletter zum November im Jahr 2015

Liebe Freunde unserer Arbeit,

Ach, ich tu mich schwer damit, euch zu schreiben.

Schon seit August häufen sich die E-Mail-Anfragen, wann denn endlich von mir eine Stellungnahme zu der Flüchtlingssituation zu erwarten sei, was denn eigentlich Elia zu diesem Geschehen sagt.
Auch verging seither kein Seminar, an dem dieses Thema nicht angesprochen wurde.

Ich habe mit mir gerungen: Denn was könnte ich anderes schreiben als meine Meinung?
Und darüber schrieb ich doch schon: Meinung ist nicht Wissen und Wissen müsste ich haben, um verantwortlich Stellung zu beziehen.

Aber ich weiß doch nur, was man mich wissen lässt!

Wer ist „man“? Diejenigen, die Meinungen publik machen.
Ob Rechts, Links oder in scheinbarer Mitte positioniert: Alles, was da geschrieben, gesagt oder auf Plakaten vor sich hergetragen wird, ist Meinung.

Und Elia?
Ja, liebe Freunde, der hat etwas gesagt, das ist schon fast 5 Jahre her. Damals fragte ihn ein Seminargast, ob die zu jener Zeit in einigen Kreisen postulierte Bewusstseinswende denn 2012 zu erwarten sei.

Elia sagte: Nein, mein Freund. Wir messen nicht in Jahren, sondern in Erfüllung. Und der Bewusstseinswandel wird nicht auf einen Schlag geschehen, sondern ein langer Weg werden.

Derzeit seid ihr als Menschheit noch einem steinzeitlichen Bewusstsein verhaftet, dem nur das eigene Überleben heilig ist oder das der Sippe, vielleicht auch das eurer Nation. Das ist immer noch ein ICH-Bewusstsein!

Was das angeht, seid ihr zwar in den zurückliegenden Jahrtausenden weiter entwickelt als zu Anfang. Damals wart ihr Kinder, jetzt seid ihr Teenager, ihr seid in der Pubertät mit allem, was die so mit sich bringt.

Und genau wie Pubertierende werdet ihr lernen müssen, für alles, was ihr tut und sagt, die Verantwortung zu übernehmen. Wenn ihr soweit seid, dann erst seid ihr Erwachsene.

Ihr müsst wachsen vom kindlichen ICH-Bewusstsein zum erwachsenen WIR-Bewusstsein.

Vor wenigen Wochen ergänzte Elia diese Aussage aufgrund einer Frage einer Seminarbesucherin: Was ihr jetzt erfahrt, ist, dass ihr nicht mehr vereinzelt seid, sondern dass es euch immer etwas angeht, was immer irgendwo auf der Welt geschieht. Globalisierung beschränkt sich nicht auf die Wirtschaft!

Wo auch immer Menschen hungern, weil sie weder Arbeit noch Brot haben: Es geht euch etwas an.
Wo auch immer Menschen keine saubere Luft zum Atmen haben: Es geht euch etwas an.
Wo auch immer Menschen unter Terror, Gewalt und Willkür leiden: Es geht euch etwas an.
Ihr seid ein WIR!

Ohne ihn wörtlich zu wiederholen, sagte er uns an jenem Tag auch, dass wir etwas gemeinsam mit den Flüchtlingen haben. Damals wusste ich noch nicht, was er meinte.

Seit Freitagabend ist mir das klar: die Angst vor Gewalt und Terror.

Jetzt ist es Zeit für mich, euch zu schreiben. Denn jetzt geht es nicht darum, welche Meinung ich habe, sondern darum, wie ich die derzeitige Entwicklung erlebe.

Wo auch immer eure Meinung hingeht, wahr bleibt: Es geht uns etwas an, wo immer Menschen leiden.
Ungerechte Zustände, aussichtlose Jugend, verarmte Alte, hoffnungslose Lebensläufe, die gehen uns etwas an. Denn wer so leben muss, ist leicht zu radikalisieren.
In welche Richtung, das ist ganz egal.

Radikale entstehen nicht einfach so, diese Einstellungen haben Ursachen hier in unserem Land genauso wie anderswo. Das ist nicht meine Meinung, das ist geschichtlich nachweisbar!

Selbst im alten I Ging steht, dass kein Herrscher sein Volk so mindern darf, dass es mit seinem Leben unzufrieden sein muss, weil es aussichtlos ist.

Wenn Ausbeutung ein Übermaß annimmt, dann folgt stets die Radikalisierung.
Und der Schritt zur ausufernden Gewalt ist nur noch ein Einziger, sobald die als Gegner definierten Menschen entmenschlicht werden.
Wenn ihnen abgesprochen wird, Mensch zu sein!

Ach, es gibt viele, die das derzeit tun: laut in diversen Foren und Blogs, leise im vertraulichen Gespräch oder ganz laut als Propaganda einer angeblich gottgefälligen Religion.

Krieg und Revolutionen fangen seit je her damit an, dass dem Gegner unterstellt wird, dass er gar kein Mensch wäre (oder ein Gottloser oder ein Barbar oder einer niedrigen Rasse entstammend).
Wer aus dieser Betrachtungsweise heraus kein Mensch ist, ist leicht zu töten.

Wenn es „gut“ läuft, wird er nur mundtot gemacht.
Wenn es schlecht läuft? Ja, dann ist es Krieg, Revolution, in Wahrheit aber immer Brudermord!

Kain, Kain, wo ist dein Bruder Abel?
Was geht es mich an? Soll ich der Hüter meines Bruders sein?
Es geht uns etwas an!

Es geht uns etwas an, wenn einer neuen Statistik zur Folge mehr als 350.000 Menschen in diesem Land Obdachlose sind (nur 15.000 davon sind tatsächlich solche, die es vorziehen, unter der berühmten Brücke zu schlafen, der überwiegende Teil davon sind Menschen, die mit den Hartz 4-Zuwendungen, die sie bekommen, keine Wohnung mehr finden konnten).

Es geht uns etwas an, wenn den syrischen Flüchtlingen in türkischen Lagern und libanesischen Lagern über arabische Medien erzählt wird, dass sie in Deutschland 5000 Euro Willkommensgeld bekommen werden und eine Wohnung und einen Job.

Es geht uns auch etwas an, wenn Menschen auf Grund ihres Glaubens unter Gewalt und Terror zu leiden haben. Selbst dann geht es uns etwas an, wenn sie 2.000 Km entfernt in dieser Not zu leben haben!

Elia hat Recht, wenn er sagt: Ihr werdet als Menschheit zu lernen haben, dass ihr Verantwortung tragt.
Aber was, liebe Freunde, ist unsere Verantwortung? Jetzt?

Elias Antwort ist einfach: In unserer Verantwortung ist das, was uns zufällt!
Was jedem Einzelnen in seiner ganz individuellen Situation und nach seiner ganz individuellen Wesensart möglich ist, und das täglich.
Denn dann geben wir nicht auf, was unser Kostbarstes ist: unsere Menschlichkeit.

Elia sagte einmal: Wo Angst ist, ist keine Liebe. Beide Gefühle schließen einander aus.

Ja, ist es nicht eigenartig, dass alle Radikalen Angst machen wollen?
Angst schließt nicht nur Liebe aus, sondern auch Vernunft und damit jeden Zugang zu guten Lösungswegen.

Was passiert, wenn wir Angst durch Besorgnis ersetzen? Dann suchen und finden wir Lösungen: Solche, die vernünftig sind und machbar, zumutbar.

Ich möchte diesen Newsletter mit einem Link schließen, der mir vor zwei Wochen von einer medialen Freundin geschickt wurde.

Bitte seht euch auf YouTube diesen Song an, dann versteht ihr, was Elia mit WIR-Bewusstsein meinte.

YouTube: Gimme Shelter | Playing For Change

Für all diejenigen, denen es schwerfällt, den Text zu verstehen, hier die Übersetzung:

Gib mir Schutz…
Oh, ein Sturm bedroht heute mein Leben.
Wenn ich keinen Schutz bekomme: Oh ja, dann vergehe ich.

Krieg, Kinder, ist nur einen Schuss entfernt…
Oh, sieh das Feuer, das unsere Straße mitreißt…
Es brennt wie ein roter, verkohlter, verrückter Stier, der vom Weg abgekommen ist.

Krieg, Kinder, ist nur einen Schuss entfernt…
Plünderer, Mörder nur einen Schuss entfernt…
Die Fluten bedrohen heute mein Leben…
Gib mir heute Schutz oder ich werde vergehen…

Krieg, Kinder, ist nur einen Schuss entfernt…
Ich sage euch: LIEBE, Schwester, ist nur einen Kuss weit entfernt.
Nur einen Kuss weit entfernt…

Ich wünsche euch, dass ihr in der Liebe bleibt…
Ich wünsche euch, dass ihr eure Ängste wandeln könnt in Fürsorge: Für all unsere Brüder, die ein notvolles Leben zu führen haben, seien es Deutsche oder Ausländer.

Keiner von uns hat ein einflussreiches Amt oder eine entsprechende Position, das mag in uns das Gefühl von Ohnmacht verstärken.

Aber wir haben die Macht, zu beten (auch der mächtigste Herrscher hat einen Guide!) und wir haben die Macht, unserem Nächsten gegenüber menschlich zu sein.

Eure Uta Hierke-Sackmann.