Es geht um die Urteile in der Familie über das „Anders sein“.

Es geht um die Urteile in der Familie
über das „Anders sein“.

Es geht darum,
dass wir eherne Gesetze der Rechtschaffenheit haben.

Für Männer und Frauen gibt es Grenzen,
die nichts damit zu tun haben,
was einen Menschen ausmacht.

Es dreht sich alles nur darum,
so zu sein, dass man nirgendwo anstößt.

Da wird von jedem Mitglied der Familie erwartet,
dass es genauso lebt,
wie es der GUTE GESCHMACK der Zeit erfordert.

Bis heute!

Da wird nichts dran geändert.
Ganz egal, wie viele noch daran zugrunde gehen!

Verstorbenenkontakt

Ich bitte meinen Guide, mich mit Jonny zu verbinden.

Sein Cousin bittet um diesen Kontakt.

Ein schlanker Mann kommt herein.
Er hat eine graue Hose an, die unten recht weit ist, dazu ein hellblaues Hemd.

Sein Haar ist für unsere Zeit im Nacken recht lang.

Seine Brille trägt er in der Hand.

Am Handgelenk trägt er eine auffällig große Uhr mit Zifferblatt, das irgendwie leuchtet.

In der anderen Hand hält er eine Zigarette mit den Fingerspitzen, nicht wie üblich zwischen den Fingern.
Er schaut sich um, tippt die Zigarette hastig aus.

Als Nächstes hält er ein Whisky Glas in der Hand, schiebt es langsam über den Tisch.
Dann dreht er sich zur Seite und lächelt mir zu.

Jonny: Sie sagen, ich hätte mein Leben weggeworfen. Ich wäre einfach zu schwach gewesen.

Uta: Willst du dich nicht setzen?

Jonny: Was? Nein!
Ich war unruhig…

Uta: Ja, aber jetzt doch nicht mehr!

Jonny: Nein… hascht recht, Mädle.
(Ich weiß nicht, ob ich das jetzt richtig wiedergebe, ist ein Dialekt).

Uta: Jonny, weißt du, wer dich bittet, in Kontakt mit mir zu gehen?

Jonny: Ja…
Sag Wilhelm meinen Dank, es ist ja fast zu viel der Ehre.

Uta: Siehst du das so?

Jonny: Nein. Man hat mich im Grunde dahin getrieben.

Uta: Keine Depressionen?

Jonny: Hm… Hoffnungslosigkeit…

Ich bin daran gescheitert, hoffnungslos falsch zu sein… sozusagen…

Das hat Tradition in unserer Sippe.
Falsche Männer haben zu sterben… weg damit!

Uta: Das klinkt bitter…

Jonny: Das ist bitter!

Uta: Fällt es dir schwer, dich an dein Leben zu erinnern?

Jonny: Meinst du, ob ich mich erinnere?

Uta: Ja… es ist lange her und das Leben war nur kurz…

Jonny: Doch, ich KANN mich erinnern, aber gern tue ich es nicht!

Uta: War denn gar nichts gut?

Statt einer Antwort bekomme ich Bilder: Ich sehe einen kleinen Auto-Katalog, die Vorderseite stellt ein Cabrio dar.

Dann sehe ich eine Passstraße, die sich an hohen, schneebedeckten Bergen hochwindet bei schönstem Sonnenschein.

Dann sehe ich eine Art kleinen Bauernhof / Berghütte an einem steil abfallenden Gelände.

Dann sehe ich einen Waldweg, hohe Tannen, als Nächstes eine Bar, rote Barhocker…

Eine Frau (da bin ich mir gar nicht sicher: Es könnte auch ein verkleideter Mann sein.) schenkt hinter der Bar einem Gast, der mit dem Rücken zu mir sitzt, lächelnd ein…

Dann sehe ich etwas, das wie eine technische Zeichnung aussieht, da auf der Zeichnung sieht etwas aus wie „Flügelkonstruktionen“…

Jonny: Reicht das?

Uta: Weiß ich nicht, ob das reicht, dich zu identifizieren…
Reicht es dir?

Jonny: Ja!

Uta: Ich muss dich das jetzt mal fragen, Jonny:
Hattest du ein Interesse an diesem Reading?

Er antwortet erst einmal nicht.
Stattdessen zieht er sich eine Zigarette aus einem Etui.
Er macht die Zigarette umständlich mit einem silberfarbenen Feuerzeug an,
pustet den Rauch hoch in die Luft, sieht ihm hinterher…

Jonny: Es ist so: Ich bin fertig mit diesem Leben, mir ist es endgültig abgeschlossen.
Ich habe da keine Rechnung offen, aber ich bin ihm…

Uta: Dem Wilhelm?

Jonny: Ja, ihm bin ich dankbar, dass er mich noch einmal aus der Kiste hervorholt.
Ich hätte da schon einiges klar zu stellen, was mein Leben und meinen Tod angeht.
Ich denke, es ist wissenswert, worum es geht.

Ich denke, dass es ein Ende haben muss, das Männer in der Sippe nicht genommen werden, wie sie sind.

Wer sich nicht beugt, der bricht!
Das muss erledigt sein.

Das kann ich hinterlassen, sonst nichts.
Aber es wäre eine gute Gelegenheit.

Wilhelm war immer ein offener Geist. Vielleicht hilft es weiter, ihm nicht, aber na ja… das Leben geht weiter, oder?

Uta: Das heißt, du möchtest darüber reden, was dich bewogen hat, dich zu suizidieren?

Jonny: Hu, ja das klingt jetzt aber sehr freundlich: suizidieren…

Ich habe mich umgebracht, sagen wir es doch, wie es ist!

Ich habe mich getötet, ich bin ein Mörder an mir selbst.

Uta: Du willst das nicht beschönigt haben, verstehe ich dich richtig?

Jonny: Da gibt’s nichts zu beschönigen!

Uta: Verzeihst du dir?

Jonny: Ich muss mir nichts verzeihen.
Fehler muss man verzeihen …

Uta: Aber es war doch ein Fehler…

Jonny: Nein, es war die logische Folge einer langen Qual …

Uta: Hm, hm…
Es könnte sein, dass es wichtig ist für Wilhelm, dass du ihm von der Qual erzählst.

Vielleicht kennt er die nicht?

Jonny: Ja… wer kennt die schon?

Das ist es eben: Ich habe zwei Leben geführt: das für die Anderen und meins. Beides ging nicht zusammen, das war die Qual…

Ich habe nicht verstanden, dass die Anderen …
Hm… wie soll ich das sagen?

Es ist schwierig: Ich will nicht beschuldigen, ich will aufklären…

Es geht um die Urteile in der Familie.
Es geht darum, dass wir eherne Gesetze der Rechtschaffenheit haben.

Für Männer und Frauen gibt es Grenzen, die nichts damit zu tun haben, was einen Menschen ausmacht.

Es dreht sich alles nur darum, so zu sein, dass man nirgendwo anstößt.

Da wird von jedem Mitglied der Familie erwartet, dass es genauso lebt, wie es der GUTE GESCHMACK der Zeit erfordert.
Bis heute!

Da wird nichts dran geändert.
Ganz egal, wie viele noch daran zugrunde gehen!

Uta: Es fehlt an Mitgefühl?

Jonny: Es fehlt an Solidarität!

Diese Familie stand nicht hinter mir!
Die stand immer als mahnendes, forderndes Beispiel vor mir…
Daran musste ich zerbrechen.

Uta: Weil du das, was die forderten, nicht bringen konntest?

Jonny: Ach, wenn es nur das gewesen wäre!

Nein, es ging um mehr.
Leistung bringen konnte ich…

Aber ich konnte nicht sein, wen sie forderten: Solide, angepasst, belastbar, unangreifbar durch das Umfeld.

DAS konnte ich nicht!

Uta, ich bin längst wieder inkarniert!

Ich bin jetzt ein junger Mann, der sich so lebt, wie er ist: ohne faule Kompromisse.

Ich bin ein sehr glücklicher Mann.

Dass ich mein neues Leben jetzt so genieße, hat damit zu tun, dass dieses Ich (tippt sich auf die Brust) so sehr gelitten hat, dass ich sagen konnte:
DAS mache ich nie, nie wieder mit!

Wenn die „Spielregeln“ für mich nicht passen, dann gehe ich aus dem „Spiel“.
Aber nie wieder gebe ich MICH auf!

Uta: Es überrascht mich nicht, dass du schon wieder inkarniert bist.

Du wirkst auf mich sehr, sehr weit im Bewusstsein!
Und nicht wie eine Seele, die noch unter ihrer letzten Inkarnation leidet…

Jonny: Ich nehme an, das wird Wilhelm freuen.

Dass wir beide uns so viel mit dem Sinn des Lebens beschäftigt haben, das ist das wirklich gute Erbe der Ahnen!

Aber ich bin zu sehr unter den Druck der Familie geraten, um meinen Sinn noch sehen zu können.

Ich habe mich ihrem Urteil angeschlossen und genau wie sie über mich geurteilt.

Was ich war, das IST man nicht!
Dann ist es besser, man wäre nie geboren, als „so einer“ zu sein!

Uta: Du, Jonny, ich habe den Eindruck, du „eierst“ ziemlich drum herum.
Was du damit meinst?

Jonny: Kann sein.
Es fällt mir noch immer schwer, jedenfalls solange ich der „Jonny“ bin.
Hm… (seufzt).

Gut! (Er drückt entschlossen seine Zigarette aus.)

Ich war schwul! Tja!

Uta: Du bist verheiratet gewesen…

Jonny: Ja… verstehst du? Ja!

Ich sagte doch: Es gab zwei Leben…

Uta: Du hast geheiratet, obwohl du wusstest, dass deine Neigungen andere waren?

Jonny: Neigungen? Das ist mehr als Neigungen haben!

Aber das wusste ich da noch gar nicht.

Ich dachte, das wird vorbeigehen: eine dumme Marotte, blöde Fantasien in der Pubertät.

Und sie war eine freundliche, junge Frau, ich mochte sie sehr.

Uta: Du mochtest sie.

Das heißt: Aber geliebt hast du sie nicht?

Jonny: Ich WOLLTE das, aber es ging nicht…

Das habe ich als schuldhaftes Versagen empfunden…

Uta: Du hast dich geschämt?

Jonny: Oh ja, ich habe mich zu Tode geschämt.

Uta: Das war der Grund für deinen Selbstmord?

Jonny: Ach, es fügte sich viel zusammen.

Uta: Jonny, ich bekomme immer wieder die Intuition, der letzte Auslöser sei eine Erpressung gewesen…

Jonny: Ja, das war auch so.
Aber es ging nicht um Geld.

Es ging darum, dass ich „reinen Tisch“ machen sollte…

Uta: Dass du dein „Coming out“ machen solltest?
Wer verlangte das von dir?

Jonny: Der Junge, den ich liebte!

Ich muss das erklären.
Er war jung und er war verzweifelt in mich verliebt.
Ihm ist kein Vorwurf zu machen.

Aber ich KONNTE nicht anders, als mich zu Tode schämen.
Verstehst du?

Uta: Du hast dich selbst so beurteilt wie deine Familie.
(Er unterbricht mich.)

Jonny: Nicht nur die!

Uta: Wie alle, die dir wichtig waren, über Schwule urteilten?

Jonny: Ja! Genauso!
Ich hielt mich für Dreck, ich hielt meine Liebe zu ihm für Dreck!

Ich hielt mein ganzes Leben für Dreck!
Und ich war sicher, dass es für alle am Besten wäre, wenn ich nicht mehr existiere!

Uta: Oh… puh!
Jonny, es tut mir sehr, sehr leid!

Jonny: Hm… leid muss es dir nicht tun.

Ich bin als Seele in diese Familie geraten, weil ich selbst den Glauben hatte, dass ich völlig falsch bin…

Uta: Du hast dir eine intolerante Familie gewählt?

Jonny: Weil ich selber keine Toleranz hatte, genau!

Uta: Und jetzt?

Jonny: Bin ich dankbar dafür, durch diese Hölle gegangen zu sein!

Ich habe verstanden, dass niemand falsch ist, der geboren wird!

Der Mensch kann Falsches tun, aber er ist in seinem Wesen nie falsch.

Uta: Nur seine Taten…

Jonny: Was er tut oder nicht tut. Das ist falsch.

Ich habe nicht getan, was ich hätte tun müssen: mich aus den familiären Zwängen lösen.

Versteh mich nicht falsch.

Es war keine Zeit, um sich offen zu bekennen.
Es war damals eine Straftat.
Aber ich hätte gehen müssen in die Anonymität.
Weg von da, wo man mich kennt und auf mich sieht.

Aber das konnte ich nicht, weil ich mich gehasst habe.

Im Grunde war ich genauso klein kariert wie der ganze Rest.

Uta: Und der Junge? Hast du den geliebt?

Jonny: Gute Frage! Ich glaube nicht.

Ich glaube, ich habe ihn gehasst dafür, dass er mich dahin gebracht hat, ihn fast zu lieben…

Uta: Hm… Jonny, mir geht das sehr unter die Haut: so viel Unglück…

Jonny: Ja, für so viele!

Das ist, was ich bereue…

Ich kann das an niemandem wieder gut machen.

Es ist geschehen und es ist durch mich geschehen.

Ich konnte den Mut nicht finden, wahrhaftig zu sein.

Uta: Aber dafür konntest du nicht…

Jonny: Nein…

Die einzige Form von Wiedergutmachung ist, in meinem neuen Leben gar nicht erst zu versuchen, etwas anderes aus mir zu machen, als ich bin.

Und jeden so sein zu lassen, wie er ist.

Uta: Und das ist dir gelungen?

Jonny: Läuft ganz gut, ja!

Ich habe viele Zwänge hinter mir gelassen.
Ich muss nicht mehr versuchen, in mir Liebe zu jemandem zu „machen“, für den ich keine habe.

Ich muss niemanden mehr mit meiner Intelligenz beeindrucken.

Ich muss nicht mehr Erfolg im Sinne der Gesellschaft haben.

Uta: Es ist sehr selten, dass eine Seele, die ihr Leben durch Selbstmord beendet hat, im nächsten Leben schon die Kraft hat, sich aus dem zu befreien, was sie dahin geführt hat…

Jonny: Ich BIN eine verantwortungsbereite Seele.

Aber ich bin zu völlig falschen Rückschlüssen über mich gekommen.

Mir war wichtig, die Wahrheit zu begreifen, nachdem ich tot war.

Uta: Dann bist du sehr mutig!

Jonny lacht: Ja, das auch!

Uta: Möchtest du noch etwas sagen?

Jonny: Nein…

Ich möchte Wilhelm danken.

Er hat mir nie die Ehre verweigert.

Er war ein treuer Freund.

Uta: Dann danke ich dir, Jonny.

Ich weiß: Leicht gefallen ist dir das nicht hier.

Jonny: Muss es auch nicht.

Wahrheit fällt nicht leicht!

Er geht.
Dabei hat er eine Illustrierte in der Hand (irgendwas mit Autos), in der Tür dreht er sich noch einmal um und winkt!